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Als ein Franzose das Internet miterfand


24.10.2009
Während US-Amerikaner und Briten Mitte der 1970er Jahre bereits weit ausgreifende Computernetzwerke vorweisen konnten, traten die Franzosen erst spät auf den Plan. Im französischen System Cyclades brachten Netzwerkpioniere um Louis Pouzin jedoch ein zentrales Konzept des heutigen Internets zur Reife: paketvermittelte Datenkommunikation. Teil 7 der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz"

Zwei Tage im Oktober 1972, der 24. und 25., um genau zu sein, zählt der amerikanische Internet-Pionier Bob Kahn zu den schönsten in seinem Leben. An diesen Tagen nämlich fand im Washingtoner Hilton die erste Internationale Konferenz für Computer Communication (ICCC) statt. Kahn hatte die Aufgabe übernommen, dort das ARPANET erstmals der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. "Und es funktionierte!", freut sich der Netzpionier noch heute. Aber nicht nur die Präsentation war ein Erfolg, das Ende der Konferenz markierte für Bob Kahn auch seinen Start bei der militärischen Forschungsagentur Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA).

Nur eine Fußnote wert war der Fachwelt aber die Tatsache, dass auch Derek L. A. Barber, der Direktor des Europäischen Informatik-Netzwerks (EIN), in der US-Hauptstadt anwesend war, um auf der ICCC seine Pläne zum Aufbau eines europäischen Netzwerks zu präsentieren.

Die Passanten auf der Straße dürften damals kaum mitbekommen haben, dass im Hilton gerade Geschichte geschrieben wurde. Für sie dürfte der Wirtschaftsteil der Zeitungen weitaus interessanter gewesen sein, denn dort schrieb man über die damals tobende Weltwirtschaftskrise. Bestenfalls nahmen manche dabei die neue Werbekampagne der Computerbranche wahr, die das papierlose Büro versprach.

Neustart in der Wirtschaftskrise
Auch in Großbritannien hatte die Bevölkerung Anfang der 70er Jahre mit anderen Problemen als mit dem Aufbau von Computernetzwerken zu kämpfen. Innerhalb von zwei Jahren spitzten sich dort Energiekrise und Papierknappheit derartig zu, dass der damalige Premierminister Edward Heath zu drastischen Mitteln greifen musste: Am 1. Jänner 1974 verordnete er die Einführung einer Dreitagewoche. In 3 x 12 Stunden sollte das Arbeitssoll einer Woche in den Fabriken bewerkstelligt werden.

Die verbleibende Zeit durften die Arbeiter zu Hause frieren. Die Stromlieferungen wurden rationiert, und die meisten Heizungen blieben kalt. Drei Monate später war der Spuk vorbei. Es kam zu Neuwahlen, und Heath wurde abgesetzt. Die wenigen, die damals den bitteren Winter in England nicht allzu sehr zu spüren bekamen, waren jene, die in wichtigen Einrichtungen tätig waren und an der Entwicklung von Computern arbeiteten. Sie waren von derartigen Regelungen ausgenommen, schrieb damals das Fachblatt "Datamation".

Die ersten Computernetzwerke in Europa
Der Computerwissenschaftler Peter Kirstein vom University College London (UCL) konnte somit ganz unbehelligt von derartigen Widrigkeiten in seinem Kämmerchen weiterarbeiten. Im Spätsommer 1973 hatte er den ersten transnationalen Link über Kjeller, in der Nähe von Oslo, ins ARPANET gesetzt. Auch beim Europan Informatics Network kam man unter dem Vorsitz von Derek L. A. Barber endlich voran.

Schema des EIN, entnommen der Broschüre zur offiziellen Präsentation des Netzwerks am 5. April 1978 in Paris. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Derek L. A. BarberVorbild für EIN war neben dem ARPANET jenes System, das Ende der 1960er Jahre von dem Mathematiker Donald Watts Davies, einem Kollegen von Barber am National Physical Labratory (NPL), entwickelt wurde. Weitere entscheidende Impulse kamen von dem französischen Netzwerkprojekt Cyclades, an dem der Informatikpionier Louis Pouzin und sein Team von 1972 an arbeiteten.

Pionierarbeit aus Frankreich
Louis Pouzin, so erzählt sein Kollege Hubert Zimmermann, wollte ein Computernetzwerk wie das ARPANET und das NPL-Net in Frankreich verwirklichen. Hubert Zimmermann hingegen spielte zu der Zeit mit dem Gedanken, Frankreich den Rücken zu kehren. In den 1960er Jahren hatte er das Handwerk der Computervernetzung beim französischen Verteidigungsministerium und bei der Post erlernt.

"Louis Pouzin schlug mir vor, in Frankreich zu bleiben und bei ihm einzusteigen", erinnert sich Hubert Zimmermann. "Er erzählte mir, er plane ohnehin, eng mit seinen US-amerikanischen Kollegen und Freunden aus der damaligen Zeit zusammenzuarbeiten, und dass ich bei ihm wahrscheinlich mehr lernen könne als an einer Universität in den USA." Hubert Zimmermann blieb. Erst Jahre später bekam er die ganze Tragweite seiner Entscheidung zu spüren, als er sich auf einmal zwischen den Stühlen wiederfand und Positionen aus Wissenschaft und Standardisierungsgremien zusammenbringen musste.

Kooperation mit den USA
Louis Pouzin aber hielt das Versprechen, das er Zimmermann gegeben hatte. Beim Start des Projekts Cyclades arbeiteten die Franzosen eng mit jenen Amerikanern zusammen, die am Aufbau des ARPANET beteiligt waren: Pionieren wie Larry Roberts, Bob Kahn, Vint Cerf, Leonard Kleinrock, Steve Crocker und David Walden.

Die Zusammenarbeit brachte durchaus Vorteile für beide Seiten, meint Hubert Zimmermann: "Den Amerikanern bot es die Chance, noch einmal von vorne zu beginnen. Sie bekamen durch uns die Möglichkeit, ihr Design nochmals zu überarbeiten, denn mit dem ARPANET steckten die irgendwie fest. Auch für uns war das damals eine großartige Erfahrung. Wir lernten voneinander und konnten so die Fehler vermeiden, die uns ohne diese gegenseitige Unterstützung mit Sicherheit unterlaufen wären."

Drei Stunden Netzbetrieb am Tag
Der erste Testbetrieb von Cyclades begann im Juni 1973. Im November desselben Jahres präsentierte das Team sein Projekt auf einer Konferenz in Florida, und ab April 1974 wuchs das Netz um weitere Rechner und Knotenpunkte an. Der Betrieb wurde damals zumindest für drei Stunden pro Tag aufrechterhalten.

Das reichte vorläufig aus, um die Paketvermittlung im Netzwerk, das man auf den Namen Cigale taufte, zu testen. Damals vertraute man noch nicht darauf, dass das Netzwerk stabil funktionieren würde. Im August desselben Jahres war man mit den Textergebnissen jedoch bereits so weit zufrieden, dass Cigale fast durchgehend online war und man es an das NPL-Net in London anband.

E-Mail für Frankreich
Ein Jahr später hatten die Wissenschaftler eine Verbindung zur European Space Agency (ESA) in Rom und im Juni 1976 zum European Informatics Network (EIN) hergestellt. Die französische Post war mit im Boot und übernahm bis 1975 die Kosten für die Leitungen.

Damals, so Zimmermann, verstanden die Politiker zwar wenig von Netzwerken, aber sie glaubten an die Macht der Datenbanken. Mit Cyclades bekamen sie am Ende zwar etwas mehr, nämlich auch E-Mail, aber das interessierte damals keinen so wirklich.
Quelle: orf.at


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